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St. Kilian in Nierstein
Wenn ihr mal in Nierstein seid, solltet ihr unbedingt einen Abstecher zur Kilianskirche machen. Der Aufstieg lohnt sich wirklich – von dort oben habt ihr einen wunderschönen Blick auf den Rhein und die Glock, die älteste Weinlage in Nierstein. Die Bergkirche, wie sie liebevoll genannt wird, liegt auf dem Kiliansberg und ist ein Ort, an dem Geschichte, Landschaft und Spiritualität auf besondere Weise zusammenkommen.
Ein besonderer Ort seit Jahrhunderten
Dass dieser Platz etwas Besonderes ist, erkannten die Menschen schon sehr früh. Schon zur Römerzeit, vielleicht sogar bei den Germanen, war der Kiliansberg eine Kultstätte. Die christlichen Wurzeln von St. Kilian reichen zurück bis ins Jahr 742. Damals schenkte der fränkische Hausmeier Karlmann, Bruder von König Pippin, die damalige Marienbasilika dem Bischof von Würzburg. Erst durch diese Schenkung erhielt die Kirche ihre Weihe an den heiligen Kilian, den Schutzpatron des Würzburger Bistums – ein Name, der bis heute geblieben ist.
Ein Stein als stiller Zeitzeuge
Aus dieser frühen Epoche ist kaum etwas erhalten. Doch ein kleines Detail erzählt noch immer davon: An der Nordostecke der Kirche ist ein unscheinbarer Sandstein in die Mauer eingelassen. Einst diente er als Fenstersturz. Seine eingekerbten Spiralornamente verweisen auf die karolingische Zeit und machen ihn zu einem der ältesten greifbaren Zeugnisse von St. Kilian.
Der romanische Turm und ein dramatischer Neubeginn
Der älteste erhaltene Bauteil der heutigen Kirche ist der romanische Chorturm aus dem späten 12. Jahrhundert. Sein massives Untergeschoss dient noch immer als Altarraum. Die weithin sichtbare Zwiebelhaube – eine so genannte "Welsche Haube" – verleiht dem Turm sein charakteristisches barockes Erscheinungsbild, kam aber erst später hinzu.
Der Grund dafür war ein dramatisches Ereignis: Am 23. Mai 1767 schlug ein Blitz in die Kirche ein und setzte sie in Brand. Fast genau neun Jahre später, an Pfingsten 1776, wurde die neu erbaute Kirche feierlich geweiht. Der barocke Wiederaufbau prägte das Erscheinungsbild, das wir heute kennen – mit schlichtem Langhaus und kraftvollem Chorturm.
Die Marienkapelle
Noch bevor sich der Blick in den großen Kirchenraum öffnet, empfängt die Marienkapelle am Eingang die Besucher. Sie wurde erst 1963 angebaut und wirkt wie ein sanfter Übergang zwischen draußen und drinnen, zwischen Alltag und Stille. Ursprünglich als Taufkapelle genutzt, ist sie heute vor allem ein Ort der Andacht – ein Platz, an dem man oft ganz automatisch stehen bleibt.
Erweiterung und künstliche Gestaltung
Zwischen 1902 und 1904 veränderte der Mainzer Architekt Ludwig Becker die Kirche erneut: Er verlängerte das Kirchenschiff nach Westen und fügte im Osten eine Sakristei an. In dieser Zeit entstanden auch die kunstvollen Schnitzaltäre, gefertigt von der Steinheimer Bildhauerwerkstätte Georg Busch Söhne. Der Hochaltar im neugotischen Stil zeigt in der Predella das letzte Abendmahl und das Hochzeitsmahl zu Kanaa.
Der neu geschaffene Innenraum war großzügig gestaltet und reich ausgemalt. Über dem Triumphbogen befand sich einst eine eindrucksvolle Darstellung des Weltgerichts.
In den 1960er Jahren entsprachen die üppigen Malereien nicht mehr dem damaligen Zeitgeschmack und wurden übertüncht. Auch die hohen Giebelaufsätze der Altäre wurden entfernt – sogar mit Zustimmung der Denkmalpflege. Ein kleines Fragment dieser verlorenen Pracht ist jedoch erhalten geblieben: Ein Holzrelief mit der Darstellung der Heiligen Dreifaltigkeit, ursprünglich Teil des Hochaltars, hängt heute über dem Triumphbogen.
Das Kircheninnere heute
Heute bietet sich dem Besucher eine harmonische Mischung aus verschiedenen Epochen. Der Zelebrationsaltar aus Natursandstein im vorderen Bereich wurde 1979 aufgemauert – eine Anregung aus dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Die beiden Seitenaltäre sind dem heiligen Kilian (links) und der Gottesmutter Maria (rechts) geweiht. Zu beiden Seiten des Tabernakels am Hochaltar finden sich Büsten heiliger Kirchenväter.
Besonders schön sind die Kirchenfenster, die 1961 vom Mainzer Kirchenmaler Alois Plum entworfen wurden. Sie zeigen Symboldarstellungen: vom Manna in der Wüste über die eucharistischen Opfergaben Brot und Wein bis hin zur Auferstehung Christi und der Verherrlichung des Lammes aus der Offenbarung des Johannes.
Die Orgel von Balthasar Schlimbach aus Würzburg stammt aus dem Jahr 1894 und besitzt 17 Register. Die Eingangstüre von 1960 zeigt auf der Außenseite den Gang der Frauen am Ostermorgen zum leeren Grab, innen Christus als Pantokrator.
Ein verborgenes Geheimnis
Unter dem Hochaltar verbirgt sich übrigens eine kleine Krypta – nur etwa 25 Quadratmeter groß. Sie wurde erst in den 1860er Jahren wiederentdeckt und ist vermutlich die älteste christliche Kultstätte auf dem Kiliansberg.
Ökumenische Verbundenheit
Eine schöne Tradition verbindet St. Kilian mit der evangelischen Martinskirche: Immer wenn die Bergkirche renoviert wurde, konnten die katholischen Niersteiner in der Martinskirche zu Gast sein – ein freundliches Zeichen ökumenischer Verbundenheit, das schon seit 1767 Bestand hat.
Ein Ort zum Verweilen
Heute ist St. Kilian weit mehr als ein historisches Bauwerk. Seit 2025 gehört St. Kilian zur neuen Großpfarrei Auferstehung Christi Rhein-Selz – 18 Gemeinden, von Nierstein über Oppenheim bis Guntersblum, die jetzt unter einem Dach zusammengefunden haben. Ein schöner Gedanke: Auferstehung Christi – und eine Kirche, die selbst schon mehr als einmal neu begonnen hat.
St. Kilian ist dabei ein Ort der Ruhe und des Innehaltens – und zugleich ein Platz mit weitem Blick über Rhein und Reben. Wer hierherkommt, begegnet nicht nur der Geschichte Niersteins, sondern auch einem Ort, an dem Landschaft, Glauben und Zeit auf besondere Weise miteinander verbunden sind.
Die Kirche ist tagsüber geöffnet, ein schmiedeeisernes Gitter macht es möglich – also einfach reingehen, durchatmen, ankommen. Ob du gerade wanderst, Rad fährst oder einfach mal kurz aus dem Alltag raus willst: Der Kiliansberg nimmt sich gerne die Zeit für dich. Versprochen.
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