Hinter der schmucken Fassade der Bleichstraße 7 versteckt sich ein Wohn- und Wehrturm aus dem Jahre 1270. Die Autorin Karin Holl hat über die Geschichte des Turms und seiner Bewohner recherchiert und 2016 das Buch „Ein Turm aus dem Mittelalter und seine Besitzer“ veröffentlicht. Sie lässt dabei die Gunterblumer Geschichte Revue passieren.
Der Turm in der Guntersblumer Bleichstraße blickt auf eine außergewöhnlich lange Geschichte zurück. Seine Wurzeln reichen bis ins Jahr 1270, als er vermutlich von adeligen Grundherren errichtet wurde. Damals diente er nicht nur als Wohnraum, sondern auch als strategisch wichtiger Punkt, von dem aus man die umliegenden Ländereien überblicken und verwalten konnte. Über Jahrhunderte hinweg blieb der Turm ein fester Bestandteil des Ortes, auch wenn sich seine Bedeutung mit der Zeit veränderte.
Etwa um 1550 verlor er seine Rolle als adeliges Verwaltungs- und Schutzgebäude und ging in bürgerlichen Besitz über. Das Leben rund um den Turm wurde einfacher und alltäglicher, und mit den ersten evangelischen Kirchenbüchern, die ab 1650 geführt wurden, lassen sich die Spuren der Bewohner zunehmend klarer nachverfolgen. Aus den früheren, oft spärlichen Erwähnungen in Urkunden wurde allmählich ein lebendiges Bild davon, wie Menschen hier wohnten, arbeiteten und ihren Alltag gestalteten.
Ein besonders farbenreicher Abschnitt beginnt im 20. Jahrhundert mit Kätchen Belzer, die von 1902 bis 1985 auf dem Turmgrundstück lebte. Sie hinterließ eine Fülle privater Dokumente: Briefe, Rechnungen, Schulaufsätze, alte Etiketten und kleine Erinnerungsstücke, die bis heute eine ganz besondere Atmosphäre schaffen. Durch ihre Hinterlassenschaften wird der Turm zu einem Ort, an dem Geschichte fast greifbar wird, als würde man den früheren Bewohnern ein stilles Interview nach ihrem Tod führen.
Nach vielen Wandlungen, Phasen der Vernachlässigung und kleinen Neuanfängen wurde der Turm 1987 unter Denkmalschutz gestellt. Eine Zeitlang diente er als Abstellraum, später sogar als Pension, bevor er wieder zu einem Wohnhaus wurde. Heute steht er da wie ein Zeuge vergangener Jahrhunderte, geprägt von all den Menschen, die hier gelebt haben, und all den Geschichten, die sich zwischen seinen Mauern abgespielt haben. Fast 750 Jahre lang hat er die Höhen und Tiefen der Guntersblumer Geschichte überstanden und ist letztlich immer wieder zu seinem Ursprung zurückgekehrt: ein stilles, standhaftes Bauwerk im Herzen des Ortes.

