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Wandern und radeln in Rhein-Selz
Die Fähr' fährt ... bald wieder – von Guntersblum auf den Kühkopf
Es gibt Erinnerungen, die kommen einfach wieder hoch, wenn man am Rheindamm steht und rüberschaut. Bei mir ist es diese: Mein Sohn, damals noch klein, das Fahrrad noch etwas zu groß für ihn und wir beide am Guntersblumer Anleger. Und dann diese kurze Überfahrt, die sich für ein Kind anfühlt wie eine richtige Expedition. Drüben der Kühkopf. Auwald, Vogelgezwitscher, Wege, die einfach immer weitergehen. Wir sind stundenlang geradelt und haben unterwegs gefühlt hundert Dinge entdeckt.
Seit 2013 geht das nicht mehr. Aber es ändert sich gerade.
Eine Verbindung, die fast 200 Jahre alt ist
Kurz zur Vorgeschichte, denn die ist schöner, als man denkt.
Der Kühkopf ist keine natürliche Insel. Sie entstand 1828/29, als der großherzogliche Wasserbaudirektor Claus Kröncke den Rhein begradigen ließ – der berühmte Rheindurchstich. Über Nacht lag ein Stück Guntersblumer Gemarkung auf der anderen Seite des Stroms.
Und was macht man dann? Man baut eine Fähre. Im Museum Guntersblum liegt tatsächlich ein Kaufvertrag über eine Fähre zum Kühkopf, datiert auf den 26. Mai 1829. Die Verbindung ist also so alt wie die Insel selbst.
Richtig getrennt wurden die beiden Ufer erst viel später: 1945/46, als der Rhein zur Grenze zwischen der französischen und der amerikanischen Besatzungszone gemacht wurde – und damit später zur Landesgrenze zwischen Rheinland-Pfalz und Hessen. Für Guntersblum bedeutete das den Verlust von 1.400 Hektar auf dem Kühkopf. Übrig geblieben sind 53.
Die Fähre fuhr trotzdem weiter. Zuletzt als Personenfähre „König Gunther" – ja, der Name passt zu Guntersblum wie bestellt. 2012 war Schluss, seit 2013 ruht die Verbindung.
Seitdem heißt es: außen herum. Über die Rheinfähre Nierstein–Kornsand, rund zehn Kilometer flussabwärts, und dann auf hessischer Seite wieder zurück Richtung Stockstadt oder Erfelden. Machbar, klar. Aber eben ein halber Tagesausflug für eine Strecke, die man früher in ein paar Minuten geschafft hat.
Der Bescheid, auf den alle gewartet haben
Jetzt kommt sie zurück. Wirklich.
Der Förderverein Kühkopf-Fähre hat die strom- und schifffahrtspolizeiliche Genehmigung der Struktur- und Genehmigungsdirektion Süd (SGD Süd) in Neustadt erhalten. Klingt sperrig, ist aber der Durchbruch.
Davor lag ein Beteiligungsverfahren, das sich über Jahre gezogen hat und quer durch zwei Bundesländer ging: Die Obere Naturschutzbehörde und die zu beteiligenden Umweltverbände haben zugestimmt, von hessischer Seite gab es grünes Licht vom Regierungspräsidium Darmstadt, dazu kamen die Kommunen auf beiden Ufern. Die Genehmigungskompetenz lag am Ende bei der SGD Süd.
Vorsitzende Claudia Bläsius-Wirth bringt es auf der Vereinshomepage so auf den Punkt: „2026 wird unser Jahr."
2020 war es schon einmal fast so weit
Der Verein – offiziell „Verein zur Verbindung der Kulturlandschaften Altrhein und Insel Kühkopf e.V." – arbeitet seit 2013 an diesem Projekt. Dreizehn Jahre. Und der Weg dahin war alles andere als geradeaus.
2020 war die Finanzierung eigentlich gesichert: EU-Fördergelder abrufbereit, Sponsorengelder zugesagt, die Verbandsgemeinde hatte eine Vorfinanzierung per Überbrückungskredit beschlossen. Geplant war eine echte Leuchtturmlösung – eine Elektrofähre, gebaut von der Werft Ostseestaal in Stralsund.
Dann kam Corona, dann der Ukrainekrieg und mit ihm die Rohstoffkrise. Innerhalb weniger Tage stand fest, dass die Werft die Baukosten nicht halten konnte. Die überarbeitete Kostenschätzung lag bei rund 900.000 Euro – gesichert waren etwa 630.000. Damit war das Projekt in dieser Form erledigt.
Der Verein hat umgeplant: keine neu gebaute E-Fähre, sondern eine gebrauchte. Weniger spektakulär, dafür machbar. Und diesmal ohne EU-Fördermittel, finanziert aus Eigenkapital, Krediten, Spenden und Sponsorengeldern.
Die neue Alte
Die Fähre ist gekauft. Ein kleines, wendiges Boot mit Platz für zwölf Fahrgäste samt Fahrrädern, das zuvor als Friesenfähre im Einsatz war. Gebaut hat sie SBS Technik- und Anlagenbau in Andernach – merk dir den Namen kurz, der kommt gleich nochmal. Die Abnahmekommission des Wasserschifffahrtsamts hat das Schiff bereits geprüft und abgenommen. Ihr Liegeplatz ist der Oppenheimer Hafen.
Ich durfte im Frühling drin Probesitzen. Und ganz ehrlich: Da wird man sofort wieder zum Kind. Man sitzt da, schaut auf den Rhein und denkt sich – gleich geht's los. Ging es natürlich nicht. Aber bald.
Der Zugang erfolgt nach Angaben des Vereins barrierefrei, über eine elektrohydraulische Bugklappe, die sich an beliebiger Stelle an der Rampe arretieren lässt. Heißt: rauf und runter auch mit vollbepacktem Rad, ohne Klettern und Tragen. Am 1. Mai gab es dazu eine ganz unkonventionelle Testfahrt zum Anleger nach Erfelden.
Der Verein selbst nennt sein Schiff übrigens „die schönste AfFähre des Rhein". Muss man mögen. Ich mag's.
Was jetzt noch fehlt
Ausgerechnet die Anlegestellen. Auf beiden Uferseiten, bei Rheinkilometer 472,4, entstehen an den vorhandenen Nato-Rampen mobile Festmacheinrichtungen. Stahlkonstruktionen mit rund sechs Wochen Bauzeit, geplant von SBS in Andernach – also von genau dem Betrieb, der auch die Fähre gebaut hat.
Die vorbereitenden Arbeiten an den Rampen übernimmt das Guntersblumer Bauunternehmen Johann Lohr & Söhne, fachlich begleitet vom WSA Mannheim. Danach folgen Testfahrten, das Üben von An- und Ablegen und die technische Abnahme.
Das Ziel des Vereins: Betriebsaufnahme bis Ende 2026. Gleichzeitig bittet er um Geduld – bei so einem Projekt bestimmt man den Kalender nicht selbst.
Und dann? Dann wird es richtig schön
Auf unserer Seite: Die Anlegestelle liegt in Guntersblum am Rheindamm. Vom Bahnhof mit Park-and-Ride-Parkplatz bist du in etwa 15 Minuten mit dem Rad da. In unmittelbarer Nähe liegt das Gasthaus „Zum Rheinhof", das während der Betriebszeiten Erfrischungen anbieten und seine sanitären Anlagen für Fahrgäste öffnen will. Und drumherum: Rheinhessen. Weinberge, Kellerweg, Winzerhöfe.
Auf der anderen Seite: der Kühkopf. Mit rund 2.400 Hektar das größte Naturschutzgebiet Hessens, eine Auenlandschaft von europäischer Bedeutung mit dem Prädikat „Europareservat". Kühkopf und Knoblochsaue zusammen sind über ein rund 60 Kilometer langes Rad- und Wanderwegenetz erschlossen, mit historischen und naturkundlichen Infotafeln unterwegs. Einer der Rundwege ist der Schriftstellerin Elisabeth Langgässer gewidmet, die diese Landschaft 1936 in ihrem Roman „Gang durch das Ried" beschrieben hat.
Rund zwei Kilometer vom Anleger entfernt liegt das denkmalgeschützte Hofgut Guntershausen. Dort findest du seit 2014 das Umweltbildungszentrum „Schatzinsel Kühkopf" mit der Dauerausstellung „Mitten im Fluss": ein begehbares Aquarium, ein Hochwassermodell, das zeigt, wie der Rhein den Kühkopf flutet, und jede Menge zum Anfassen und Ausprobieren – untergebracht im ehemaligen Kuhstall.
Mitmachen? Geht
Der Verein sucht Unterstützung – ob als Mitglied oder mit einer Spende, alle Infos dazu stehen auf der Vereinsseite. Und er sucht Menschen, die sich vorstellen können, an Sommerwochenenden ehrenamtlich als Fährführer mitzuarbeiten. Wer das nötige Patent hat oder darüber nachdenkt: einfach melden.
Nach dreizehn Jahren Dranbleiben, nach einer geplatzten Finanzierung und einem Genehmigungsverfahren über zwei Bundesländer hinweg – ich finde, dieser Verein hat sich einen vollen Anleger verdient. Und ich freue mich schon jetzt darauf, wieder mit dem Rad an den Damm zu rollen und einfach überzusetzen.
Bis bald am Rhein!
Gut zu wissen
| Wer: Verein zur Verbindung der Kulturlandschaften Altrhein und Insel Kühkopf e.V. (Förderverein Kühkopf-Fähre), Vorsitzende Claudia Bläsius-Wirth |
| Wo: Rheinkilometer 472,4, NATO-Rampen Guntersblum ↔ Kühkopf |
| Wann: Betriebsaufnahme angepeilt bis Ende 2026 |
| Fähre: Platz für 12 Fahrgäste mit Fahrrädern |
| Informationen, Spenden,
Beitritt: kuehkopf-faehre.de · |
| Umweltbildungszentrum Schatzinsel Kühkopf: 1. April bis 31. Oktober Di–Fr 14–18 Uhr, Sa/So/Feiertag 10–18 Uhr, montags Ruhetag · schatzinsel-kuehkopf.hessen.de |
| Bis dahin rüber: Rheinfähre Nierstein–Kornsand, Fahrradmitnahme möglich · rheinfaehre-nierstein.de |
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