Nächste Termine in Rhein-Selz
Was von der Mälzerei bleibt
Mehr als 100 Menschen kamen an diesem Abend in den Hof des Weinguts Gustav Strub – und mit ihnen kamen Erinnerungen. An Schichtarbeit, Stechkarten, Eisenbahngleise. An einen Ort, den es seit 2012 nicht mehr gibt.
„Aus den Augen, aus dem Sinn?" – so hatte der Geschichtsverein Nierstein seinen Abend überschrieben. Die Antwort war eindeutig: nein.
Eine Gesprächsrunde, die lebendig wird
Vorstandsmitglied Jörg Adrian moderierte eine Runde, in der die Niersteiner Mälzerei für eine Weile wieder auferstand. Wer selbst dort gearbeitet hatte, erzählte – und man konnte spüren, dass das keine leichten Jobs waren. Körperlich anstrengend, nach klaren Regeln getaktet. Jemand erinnerte sich an die Qualitätskontrolle im Labor, jemand anderes an die Ehefrau des Betriebsleiters, die sich nebenbei um die kleinen Kinder der Mitarbeiterinnen gekümmert hatte. Und dann war da die Geschichte mit der Lok: die Eisenbahngleise, die vom Rheinufer zum Hauptgleis führten – und eine Lok, die einmal zu schnell unterwegs war und im Flügelsbach landete.
Immer wieder kam auch zur Sprache, was die Mälzerei für Nierstein bedeutet hatte: Sie war einer der großen Arbeitgeber im Ort. Das klingt nüchtern – aber wer die Geschichten der Menschen hörte, die dort gearbeitet hatten, verstand, wie sehr dieser Betrieb das Leben im Ort geprägt hatte.
Thomas Strub, Gastgeber des Abends, zeigte, was vom alten Betrieb geblieben ist: die Stechkarten-Kartei der Arbeiterinnen und Arbeiter – und seine Theke, gefertigt aus Materialien der Mälzerei. Fotos aus den Jahren 1870 bis 2012 machten die Runde von Tisch zu Tisch und lieferten Gesprächsstoff bis weit in den Abend.
500 Jahre Geschichte auf einem Areal
Den historischen Einstieg gab Susanne Bräckelmann, 2. Vorsitzende des Geschichtsvereins. Sie erzählte aus fast 500 Jahren Geschichte des Areals an der Rheinstraße – angefangen mit der Familie von Dalberg im Jahr 1521. Anhand historischer Pläne aus dem Niersteiner Stadtarchiv ließ sich nachvollziehen, wie sich Bebauung und Nutzung des Geländes über die Jahrhunderte verändert haben.
Den Bogen von 1521 bis in die 1950er Jahre, als die Firma Durst-Malz Eigentümer in Nierstein wurde, wird die nächste Ausgabe der Geschichtsblätter ausführlich aufgreifen – sie erscheint Anfang Dezember 2026. Die Fortsetzung für 2027 widmet sich dann der jüngeren Geschichte – der Zeit, an die sich so viele noch persönlich erinnern können. Wer eigene Erinnerungen oder Materialien beisteuern möchte, ist herzlich eingeladen:
Solche Abende zeigen, was Erinnerung kann: Sie holt zurück, was abgerissen wurde. Und sie hält es lebendig – solange Menschen davon erzählen.
Wenn Sie den Blog abonnieren, senden wir Ihnen eine E-Mail, sobald es neue Updates gibt, damit Sie diese nicht verpassen.
Kommentare
By accepting you will be accessing a service provided by a third-party external to https://rhein-selz-geht-aus.de/