Nächste Termine in Rhein-Selz
Sommermatinée im Westchor: Wenn ein einziges Instrument mehrstimmig spielt
Die Oboe schweigt, und der Ton ist trotzdem noch da. Er steht im Gewölbe, schwebt, legt sich unter die nächste Phrase. Man hört auf einmal zwei Stimmen, wo doch nur ein Instrument spielt. In diesem Moment war klar: Das wird kein gewöhnliches Konzert.
Aus Norwegen in den Westchor
Zur Sommermatinée am Sonntag, dem 26. Juli, waren Prof. Lars Asbjörnsen (Querflöte) und Hilda Gjesdahl (Oboe) aus Norwegen in die Katharinenkirche gekommen, als Teil der Reihe KulturSinn RheinSelz. Die Reihen im Westchor waren gut besetzt. Zwei Instrumente, mehr nicht. Und trotzdem war der Raum wunderbar gefüllt.
Den Auftakt machte Nino Rota, der Mann, dessen Musik jeder kennt, auch wenn kaum jemand seinen Namen weiß: „Der Pate", „La Strada", „Der Leopard", über 150 Filme. Die drei Duos zeigten die andere Seite von Rota. Lebhaft, verspielt, ohne jeden Kinopathos.
Danach wurde es still. Benjamin Brittens „Sechs Metamorphosen nach Ovid" gehören ganz allein der Oboe. Pans Klage um die Nymphe Syrinx, das ausgelassene Fest bei Bacchus, das eitle Schmachten des Narcissus, die Flucht der Arethusa. Sechs kleine Dramen, ein Instrument. Uraufgeführt wurden sie 1951 im englischen Aldeburgh, das Publikum saß damals in Booten auf dem Wasser. Boote brauchte es hier nicht.
Claude Debussy hat sich vom selben Mythos anstecken lassen. Sein „Syrinx" für Flöte allein erzählt dieselbe Geschichte, nur aus einer anderen Kehle. Und dann holte uns Bachs Partita in a-Moll aus der Traumwelt zurück, hochvirtuos, sprudelnd, mit einer Klarheit, die jede Schwüle vertrieb.
Das Geheimnis des Westchors
Nach dem Konzert sagte mir Kantor Ralf Bibiella einen Satz, der alles erklärt: „Wo, außer im Westchor mit seiner besonderen Akustik, kann ein einzelnes Instrument mehrstimmig spielen?"
Und genau das ist es. Die Töne bleiben hier so lange stehen, dass sie mit dem weiterklingen, was gerade gespielt wird. Sie beeinflussen die Musik, schwingen mit, antworten sich selbst. Der Westchor spielt einfach mit.
Danach: Schatten, Wein und ein eiskalter Secco
Ein herzliches Dankeschön an Prof. Lars Asbjörnsen und Hilda Gjesdahl für dieses feine Programm, an Kantor Ralf Bibiella und alle, die die Sommermatinée in der Katharinenkirche möglich gemacht haben, und an KulturSinn RheinSelz dafür, dass solche Vormittage in unserer Region überhaupt stattfinden.
Und weiter geht's: vier Hände an einer Orgel
Das nächste Konzert von KulturSinn RheinSelz steht schon fest, diesmal unter dem Titel KulturSinn Tradition in der Martinskirche in Nierstein: am 3. Oktober 2026 um 17 Uhr. Es spielt das Orgel-Duo Beatrice-Maria Weinberger und Prof. Gerhard Weinberger aus München, international unterwegs, solistisch und als Paar, mit vierhändiger Orgelmusik oder Musik für zwei Orgeln und zwei Cembali.
Im Anschluss lädt der Orgelbauverein OMNi e.V. zum Ausschank ein, mit guten Tropfen aus rheinhessischen Weinkellern und frischem Niersteiner Orgelgebäck. Vorab online buchen lässt sich der Weinausschank nicht, er läuft vor Ort auf Spendenbasis.
Im Juli hörten wir ein Instrument, das mehrstimmig spielte. Im Oktober werden es vier Hände an einer Orgel sein. Wir kommen wieder, und wir wissen jetzt, worauf wir hören müssen.
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