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Nierstein ehrt Hexemer und Ullrich als Weinschultheißen

 Nierstein ehrt Hexemer und Ullrich als Weinschultheissen

Ein kleines Bänkchen im Niersteiner Stadtpark, Freitagnachmittag, wenige Stunden vor der Eröffnung des Winzerfestes. Hans-Peter Hexemer kniet nieder. Für ihn ist es das vierte Mal auf genau diesem Bänkchen: bei seiner Konfirmation in der Martinskirche, bei seiner Hochzeit, beim Weinschöffenschlag 2007. Und jetzt.

Neben ihm Hans-Richard Ullrich, Jahrgang 1942. Die beiden kennen sich ewig, saßen jahrzehntelang in unterschiedlichen Ämtern und unterschiedlichen Fraktionen. Und trotzdem, das sagen beide später selbst, war die Zusammenarbeit immer vertrauensvoll. Weil sie dasselbe im Blick hatten: Nierstein. 

Ein Titel, den es fast nie gibt

Weinschöffen gibt es in Nierstein einige. Weinschultheißen nicht. Vor diesem Freitag waren es genau zwei: Winzermeister Heinz Seip, im Jahr 2001 verstorben, und der frühere Landrat Claus Schick, der 2013 zum Weinschultheiß erhoben wurde und den Titel bis heute trägt. Die Stadt geht mit ihren Auszeichnungen sehr sorgsam um; es braucht ein langjähriges und außergewöhnliches Engagement, damit jemand in diesen Stand erhoben wird. Den Schlag führte Stadtbürgermeister Jochen Schmitt aus. Auch die Weinmajestäten waren gekommen, musikalisch umrahmten die Kilianos den Nachmittag.

Die Laudatio hielt Klaus Penzer, ehemaliger Verbandsbürgermeister der VG Rhein-Selz, der mit beiden Geehrten jahrzehntelang zusammengearbeitet hat. Er nahm uns erst einmal mit in die kurpfälzische Zeit: Der Schultheiß war damals der Mann des Kurfürsten vor Ort. Er trieb Steuern ein, verwaltete die Lehen, machte Gesetze, führte die Verwaltung und sprach auch noch Recht. Gewaltenteilung? Fehlanzeige. Geblieben ist vom alten Amt bis heute vor allem eines, sagte Penzer: der Weinbau, die Weinvermarktung und ganz klar der Weingenuss. Dazu zitierte er den Ritter Hundt: „Er geht hinunter sanft und glatt, wie gestern so auch heut, ..."

„Zwei robuste Typen" nannte Penzer die beiden, und schob gleich die Erklärung hinterher: willensstark, widerstandsfähig, zielstrebig, kreativ. Und beide, wie er trocken anmerkte, nicht immer stromlinienförmig unterwegs. Dazu passte sein Kästner-Zitat: „Man kann auf seinem Standpunkt stehen, aber man sollte nicht drauf sitzen." Und weil ohne Kompromisse in keinem Verein etwas funktioniert, schob er Henry Ford hinterher: „Das Geheimnis des Erfolges ist, den Standpunkt des anderen zu verstehen." Ob die beiden die Standpunkte der anderen aber auch stets respektiert haben, das könnten nur ihre Mitstreiter beantworten. 

Hans-Peter Hexemer: Kommunalpolitik, AWO und die Erinnerung

Bei Hexemer fing alles am Frühstückstisch des Elternhauses an. Im Weingut Karl Ludwig Schmidt kam er früh mit Wein, Kultur und Geschichte zusammen; dort waren Persönlichkeiten wie Albert Schweitzer und Elly Ney zu Gast. 1974, im Jahr des zweiten Weltmeistertitels, wurde er mit 22 Jahren zum ersten Mal in den Verbandsgemeinderat gewählt. Mit Unterbrechungen gehörte er ihm 38 Jahre an, bis 2024.

Dazu Gemeinderat, Stadtrat, fünf Jahre Bau-Beigeordneter, lange Zeit Vorsitzender der SPD-Fraktion. 25 Jahre lang führte er die Niersteiner Arbeiterwohlfahrt; die Paul-Hexemer-Begegnungsstätte entstand in seiner Amtszeit. 1997 gehörte er zu den Gründern des Geschichtsvereins, den er seit 2013 als erster Vorsitzender führt und der heute über 300 Mitglieder hat.

Und dann die Themen, die ihm am meisten am Herzen liegen: die gegen viele Widerstände durchgesetzte Verlegung der Stolpersteine, die Erinnerung an das Kornsand-Verbrechen, der von ihm initiierte Rundweg auf den Spuren von Freiheit und Demokratie. 2022 bekam er das Bundesverdienstkreuz. Die langjährige Landtagsabgeordnete Kathrin Anklam-Trapp fasste es damals so zusammen: „Mit Deinem humanistischen Denken und Handeln bist Du, für Nierstein, für Rheinhessen, für Rheinland-Pfalz ein Geschenk." 

Hans-Richard Ullrich: der "Hansdampf in Niersteins Gassen"

So hatte die Allgemeine Zeitung ihn überschrieben, als er im Dezember 2023 die Verdienstmedaille des Landes Rheinland-Pfalz erhielt. Woher der Dampf kommt, hat Penzer bis zum Geburtstag zurückverfolgt: ein Dienstag, benannt nach Mars und dem germanischen Gott Tyr, beide zuständig für Kampf und Recht. Eine gehörige Portion Kampfgeist also, mitgegeben fürs Leben.

Ullrich ist staatlich geprüfter Weinbautechniker, ausgebildet in Weinsberg, war Redakteur bei Weinbau-Fachzeitschriften und Geschäftsführer der Rheinhessen-Weinwerbung. Aus dem elterlichen Betrieb machte er den Ullrichshof mit Gutsschänke. Seine Frau Christel lernte er 1964 auf dem Winzerfest kennen; Liebe auf den ersten Blick, 1967 folgte die Hochzeit. Im Mai 2027 steht die Diamantene Hochzeit an, dazu sein 85. Geburtstag.

Wer in Nierstein und Oppenheim unterwegs ist, läuft ständig über seine Ideen. 16 Jahre Vorsitzender des Verkehrsvereins, Mitbegründer des Vereins Wein am Roten Hang, Entwickler der Weinpräsentation am Roten Hang, Ideengeber der Drei-Türme-Wanderung, des Tages der offenen Weinkeller und Winzerhöfe und von Wein am Rhein. Penzers Fazit dazu: So manches Weinfass in den Niersteiner Kellern wäre ohne diese Aktivitäten nicht geleert worden.

Umsonst war das nie. Als er die Umgestaltung des Weinausschanks beim Winzerfest vorschlug, nannten ihn nicht wenige den „Totengräber des Winzerfestes". Und als alle mit dem Ruhestand rechneten, übernahm er 2004 die ehrenamtliche Leitung des Deutschen Weinbaumuseums in Oppenheim und führte es 17 Jahre lang, bis Ende 2021. Tobias Bieker hatte ihn 2013 in seiner Laudatio zum Weinschöffenschlag einen Glücksfall für Nierstein genannt. Penzers Zwischenbilanz an diesem Freitag: „Das Glück hat angehalten." 

Der Dank der Geehrten

Im Anschluss bedankten sich beide bei allen, die sie unterstützt haben, ganz besonders bei ihren Frauen und Familien. Ohne die, das kam bei beiden durch, wäre das alles nicht gegangen.

Hexemer erzählte noch einmal von der Verlegung der ersten Stolpersteine in der Neugasse. Solche Momente geben ihm Kraft. Zugleich sprach er offen über seine Sorge um die Demokratie: „Wo Anstand verloren geht, zerlegt sich die Demokratie selbst." Ein Satz, der im Stadtpark hängen blieb.

Danach ging es weiter zum Winzerfest, wie es sich gehört. Zwei Lebenswerke, ein seltener Titel und ein Nachmittag, an dem man gemerkt hat, wie viel ehrenamtliche Arbeit in einer Stadt stecken kann. Herzlichen Glückwunsch, Hans-Peter Hexemer und Hans-Richard Ullrich. 

Noch ein paar Bilder der Zeremonie

Und danach: die Eröffnung des Winzerfestes

In Nierstein beginnt die Winzerfesteröffnung traditionell mit einem kleinen Umzug. Alle Gäste der Zeremonie liefen gemeinsam mit den beiden Geehrten vom Rathaus hinunter zum Marktplatz. Und dort standen sie dann auch beide neben Stadtbürgermeister Jochen Schmitt, als er das Winzerfest eröffnete.

Er habe zwei besondere Menschen mitgebracht, sagte er, geehrt im Park kurz zuvor: „ganz verdiente Männer, die jahrzehntelang für Nierstein ihren Dienst getan haben." Über 50 Jahre ihres Lebens hätten die beiden in der Gemeinde gewirkt, im Stadtrat, im Geschichtsverein, im Verkehrsverein und in vielen weiteren Ämtern. Genau das habe die Stadt zu dieser besonderen Ehrung bewogen.

Ein paar Bilder von der Eröffnung zeige ich euch auch noch. Eine Sache ist mir dabei besonders aufgefallen: Zum ersten Mal war eine Gebärdensprachdolmetscherin dabei. So geht gelebte Inklusion in Nierstein. 

Ein paar Bilder der Eröffnung des Winzerfests 2026

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