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KuLaDig in Nierstein: 13 blaue Tafeln und 120 Gäste
Am Niersteiner Rheinufer stehen seit dem Sommer 2025 dreizehn blaue Tafeln. Die erste am Fähranleger, die letzte dort, wo die Rheinstraße auf die B9 trifft. Dazwischen liegen rund zwei Kilometer. Wer davor stehen bleibt und den QR-Code scannt, landet bei KuLaDig und bekommt die Geschichte des Ortes direkt aufs Handy: kurze Texte, historische Fotos, an mehreren Stationen sogar Zeitzeugen im Video.
KuLaDig steht für Kultur.Landschaft.Digital, ein Landesprojekt, mit dem Rheinland-Pfalz sein kulturelles Erbe digital erfasst und sichtbar macht. Das klingt erst mal nach Datenbank und Bildschirm. In Nierstein steht es am Weg. Und genau darum ging es am 1. September 2026, als sich rund 120 Gäste zum KuLaDig-Netzwerktreffen Rheinland-Pfalz im Weingut Raddeck in Nierstein trafen.
Wer da zusammenkam und worüber gesprochen wurde
Gekommen sind Menschen aus Ehrenamt, Politik, Kultur, Tourismus, Wirtschaft und Verwaltung. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie das kulturelle Erbe des Landes und seine Kulturlandschaften im Portal www.kuladig.de weiterwachsen. Und es ging um das, was daraus entsteht: Geschichte, Tourismus, Weinbau. In Rheinhessen hängt das ohnehin alles zusammen.
Auf dem Programm standen Beiträge zur römischen Weinkultur, zu multimedialem Storytelling und Themenrouten, zu Kulturlandschaft und Weinbau sowie zur Weiterentwicklung der Plattform unter dem Stichwort KuLaDig 2.0. Beim „Markt der Möglichkeiten" kamen die Teilnehmenden direkt mit Initiativen und Fachleuten ins Gespräch. Zum Abschluss ging es hinaus in die Niersteiner Weinberge, mit einer Führung. Ein passender Ausklang: Wer den ganzen Tag über Kulturlandschaft spricht, sollte am Ende auch darin stehen.
Acht Auszeichnungen, sechs davon aus einem Modellprojekt
Höhepunkt des Treffens war die Auszeichnung von acht Kommunen und Initiativen als KuLaDig-Kommunen. Staatssekretärin Vanessa Fischer vom Ministerium für Kommunen, Bauen, Wohnen und Kultur Rheinland-Pfalz und Prof. Dr. Hannes Kopf, Präsident der Struktur- und Genehmigungsdirektion Süd (SGD Süd), überreichten die Urkunden.
„KuLaDig lebt vom Engagement der Menschen vor Ort", sagte Vanessa Fischer. „Sie bringen Wissen, Ideen und Geschichten ein und machen damit die Besonderheiten ihrer Heimat digital und für viele Menschen erlebbar." Hannes Kopf hob hervor, wie viele neue Ideen die Vorträge und Gespräche angestoßen hätten.
Sechs der Ausgezeichneten waren Modellkommunen im Förderprojekt „Digitale Erfassung und Präsentation von Kulturlandschaften in Rheinland-Pfalz", das Ministerium und Universität Koblenz 2025 durchgeführt haben:
- Stadt Alzey: „Alzey fidel, ein musikalischer Stadtrundgang in X Tönen"
- Stadt Bernkastel-Kues: Spuren des Universalgelehrten Nikolaus von Kues
- Stadt Hamm (Sieg): „Erinnern an die Opfer der Shoa", Stolpersteine und Orte des jüdischen Glaubens
- Stadtteil Koblenz-Horchheim: Lebenswege und Spuren der Familie Mendelssohn
- Stadt Neustadt an der Weinstraße: Spuren Robert Schumans
- Ortsgemeinde Zeiskam: „Aus dem Dorf in die Weltgeschichte"
Dazu kamen Auszeichnungen für die Ortsgemeinde Esthal und die KuLaDig-Initiative Strimmiger Berg im Hunsrück, die im Rahmen des KuLaDig Kompetenzzentrums zahlreiche Objekte erfasst haben und weiter dabeibleiben.
Wie "Leben am Rhein" in Nierstein entstanden ist
Nierstein war früh dabei. Anfang 2022 hatte sich die Stadt Nierstein, unterstützt von der Stabsstelle Tourismus-Service-Center der VG Rhein-Selz, beworben und wurde als eine von acht Pilotkommunen ausgewählt. Umgesetzt wurde der Themenweg „Leben am Rhein" gemeinsam mit dem Geschichtsverein Nierstein e.V. und dem KuLaDig-Team der Universität Koblenz unter der Leitung von Prof. Michael Klemm und Florian Weber. Der Geschichtsverein war für Texte und Fotos verantwortlich, die Videos entstanden als Semesterarbeiten von Studentinnen, für den 360-Grad-Rundgang wurde eine Fotografin beauftragt.
Seit Ende 2022 war das alles online. Was fehlte, war der Weg vor Ort. Im Herbst 2024 kamen aus einer zweiten Förderrunde weitere 1.000 Euro dazu, und Ende Juli 2025 brachten Mitarbeiter des Bauhofs die blauen Tafeln entlang des Rheinufers an.
Spannend finde ich, wie viel von dem, was da erzählt wird, gar nicht mehr existiert: das „Badeheisje" zum Beispiel oder die Sandbaggerei. Anderes steht noch, der Schiffermast etwa oder das Rhine River Monument. Der Themenweg ist übrigens nur einer von fünf in Nierstein; dazu kommen die drei KulTouren und der Demokratierundgang.
Und wer vorher hineinschauen möchte: Es gibt einen interaktiven 360-Grad-Rundgang, der Nierstein auch aus der Luft zeigt.
Was ich davon mitnehme
Kulturerbe klingt nach Museum und Vitrine. In Wirklichkeit steht es bei uns am Straßenrand, im Weinberg, am Ufer, und meistens erklärt es niemand. Genau diese Lücke schließen Ehrenamtliche, Vereine und Kommunen, wenn sie Objekte erfassen, Texte schreiben und alte Fotos zusammentragen. Dass dafür 120 Menschen nach Nierstein fahren, sagt einiges darüber aus, wie viel Lust auf die eigene Geschichte in dieser Region steckt.
Und beim nächsten Spaziergang am Rheinufer gehst du vielleicht nicht mehr einfach an der blauen Tafel vorbei.
Mehr Infos: KuLaDig Kompetenzzentrum der SGD Süd und der Bericht des Geschichtsvereins Nierstein
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