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Neue Tafel an der Germania in Undenheim: ein Denkmal, das dreimal die Richtung wechselte
Sie steht auf dem historischen Friedhof an der katholischen Kirche, Sandstein, den Lorbeerkranz in der erhobenen Rechten, und sie schaut nach Osten. Das klingt nach einem Detail. Es ist der Kern einer Geschichte, über die in Undenheim bis heute diskutiert wird. Seit Sonntag steht sie auf einer neuen Informationstafel direkt am Sockel, und dafür lohnt sich die Fahrt.
Eingeweiht wurde die Tafel am 23. August von den beiden Vereinen, die dahinterstecken: dem Geschichtsverein Undenheim mit seinem Vorsitzenden Markus Becker und der Bürgerinitiative "Alter Ortskern Undenheim", vertreten durch Annette Kröhler. Ortsbürgermeister Thomas Zimmerer war ebenfalls anwesend, und viele, die einfach gekommen waren, weil sie wissen wollten, was es mit dieser Frau aus Stein eigentlich auf sich hat.
Vom Dorfplatz auf den historischen Friedhof
Enthüllt wurde die Germania am 29. August 1875, vor fast genau 151 Jahren. Sie stand damals mitten im Ort, auf dem Dorfplatz gegenüber der evangelischen Kirche. Gefertigt hat sie ein Bildhauer namens Gula aus Oppenheim.
Am Vorabend spielte ein hessisches Pionier-Bataillon den Zapfenstreich, am Sonntagmorgen weckten Trommeln, Trompeten und Böllerschüsse das Dorf. Das Datum war kein Zufall; man hatte bewusst das Wochenende vor dem Sedantag gewählt, dem Gedenktag an die Schlacht von Sedan.
Siebzig Jahre später kippte alles. Nach dem Zweiten Weltkrieg stand das heutige Rheinland-Pfalz unter französischer Verwaltung, und ein Denkmal, das den deutschen Sieg über Frankreich feiert, war der Besatzungsmacht verständlicherweise ein Dorn im Auge. Die Germania musste aus der Dorfmitte weichen, hinauf auf den stillgelegten Friedhof an der katholischen Kirche. Dabei drehte man sie.
Und dann drehten die Undenheimer zurück
Ab 1946 bekamen die Deutschen Stück für Stück ihre Souveränität zurück. Kaum waren die Franzosen weg, drehten Undenheimer die Germania wieder um. Sie schaute nun nach Westen, nach Frankreich, und stand damit eigentlich falsch herum auf ihrem Sockel.
Denn hier kommt der Punkt, an dem ich beim Zuhören kurz still wurde: Ursprünglich hat sie gar nicht nach Frankreich geblickt. Ihr Blick ging nach Südosten, ins Landesinnere, auf den neuen deutschen Staat. Nicht "Wir haben euch besiegt", sondern "Wir sind jetzt ein Land". Generationen von Schulkindern haben es anders gelernt, über hundert Jahre lang.
Bei der Restaurierung 2023 wurde sie deshalb wieder in ihre ursprüngliche Ausrichtung gebracht, mit dem Blick nach Osten. Außerdem hat man den Lorbeerkranz ergänzt und fehlende Namen auf dem Sockel nachgetragen. Dass das in Undenheim für Gesprächsstoff gesorgt hat, kann ich gut verstehen. Man nimmt den Leuten ja etwas weg, das sie zu wissen glaubten.
Schau dir den Sockel genau an
Wenn du hinfährst, nimm dir zwei Minuten für die Details. Die Germania steht in Siegespose, aber das Schwert steckt in der Scheide und der Schild ist gesenkt. Das ist keine Kampfhaltung, das ist ein beendeter Krieg. Auf ihrem Brustpanzer sitzt der Reichsadler.
Auf dem Sockel stehen die Namen der 21 Undenheimer, die 1870/71 in den Krieg zogen. Hinter einigen steht ein kleines Kreuz. Lies die Namen in Ruhe, und rate nicht zu schnell, was diese Kreuze bedeuten. Es ist nicht das, was die meisten annehmen.
Die neue Tafel und was in ihrem Fundament steckt
Gestaltet und gefertigt hat die Tafel Dr. Sophie Reitmeier von der Agentur Publicum. Die Steine dafür stammen aus einem abgerissenen alten Haus im Ort und wurden vom Weingut Jung gespendet; das Fundament hat Gunter Grünthal vom gleichnamigen Steinmetzbetrieb gesetzt.
Und darin steckt ein kleines Geheimnis: eine Zeitkapsel. Vakuumverpackt in einem wasserdichten Rohr liegen dort Zeitungen von heute, Schriftstücke, die erklären, warum diese Tafel entstanden ist, und eine Flasche Wein mit Bezug zur 1250-Jahr-Feier. Wer die irgendwann öffnet, wird sich wundern. Über den Wein vermutlich am meisten.
Unten auf der Tafel findest du einen QR-Code, und den solltest du wirklich scannen. Dahinter liegt alles, was auf einer Tafel keinen Platz hat: die Zeitungsberichte von 1875 im Original, alte Fotografien vom Denkmal an seinen verschiedenen Standorten, die vollständige Chronologie und die Auflösung der Sache mit den Kreuzen. Der Geschichtsverein hat da eine Menge Arbeit reingesteckt. Wenn dir selbst noch etwas zur Germania einfällt, ein Foto, eine Familiengeschichte, dann melde dich; die Seite wird weiter ergänzt.
Praktische Informationen
1Wo: Germania-Denkmal auf dem historischen Friedhof an der katholischen Kirche, Undenheim. Zugang über den Mühlweg.
Wann: jederzeit frei zugänglich, kostenlos
Mehr: museum-undenheim.de/germania
Ich mag Orte, an denen man merkt, dass Geschichte nicht abgeschlossen ist. Undenheim hat sein Denkmal nicht weggeräumt und nicht schöngeredet, sondern erklärt. Fahr hin, stell dich davor, schau, in welche Richtung sie blickt, und überleg dir, was das damals bedeutet hat. Danach ist ein Spaziergang durch den alten Ortskern ohnehin fällig.
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